Busfahrten: Tallinn-Riga-Vilnius-Warschau

Busfahrten: Tallinn-Riga-Vilnius-Warschau

Den schlechten Zugverbindungen zwischen den Hauptstädten des Baltikums geschuldet, erledigen wir die nächsten Teilstrecken per Bus. Die Zug-Alternative über Weißrussland war zum damaligen Zeitpunkt, visabedingt, keine Option.

Nahezu scheiterte unsere Fahrt mit dem Busunternehmen ecolines an Weißrussland. Der Streckenverlauf im Internet zeigte eine Durchfahrt durch weißrussisches Gebiet. Eine Anfrage beim Unternehmen klärte dieses und verleitete das Unternehmen, ihren Internet-Streckenplan abzuändern.

Tallinn – Riga

In Tallinn hieß es nun zunächst zum Busbahnhof zu gelangen. Die Haltestelle des Linienbusses im Hafenbereich war schnell gefunden. Leider kein Fahrkartenautomat. Mein Vater stieg in den hinteren Teil des Busses und ich wollte beim Fahrer eine Fahrkarte kaufen. Dieser sprach ausschließlich russisch. Meiner Aussage, dass ich kein russisch verstehe, beantworte er mit einem „Fuck off“, schloss die Tür und fuhr los. Wenige Meter später, mein Vater verschaffte sich lautstark Gehör, stoppte er und öffnete die hintere Tür. Auf meine E-Mail an Tallinns Verkehrsverbund erhielt ich die freundlich Rückantwort (auf Deutsch), dass der Fahrer „come in“ sagen wollte. Mein Angebot, die Fahrtgebühr zu überweisen, wird abgelehnt.

Bushaltestelle Tallinn punktet mit bequemen Sitzen, sauberen Toiletten und einem kleinen Kiosk mit u.a. englischsprachigen Zeitungen und frisch belegten Sandwiches.

Eine Streckenführung entlang der Küste führt uns mit kurzen Zwischenhalt in Parnu (kleiner Busbahnhof mit leckerem Eis) nach Riga. Die 315 km sind in 4:05 Stunden hinter uns. Dem rüden Fahrstil des Fahrers zu verdanken erreichen wir somit 20 Minuten vor dem Zeitplan unser Ziel.

Die Sitze des Busses erinnern an Flugzeugsitze. Ein Klapptisch und ein Bildschirm mit teilweise kostenlosen Filmen sind in jeden Sitz integriert. Jede Busstrecke bietet stets gratis Kaffee und gratis Wifi an. Mein Bildschirm und das Bus-Wifi funktionieren nicht. Mein Sicherheitsgurt ist defekt und beim Greifen nach den Gurt schneide ich mich am Metall. Das Unternehmen reagiert mit einer nichtssagenden Standardmail auf unsere Beschwerde.

Riga – Vilnius

Rigas Busbahnhof liegt zentral zwischen Hauptbahnhof und dem Fluss Düna. Linkerhand am kleinen Kanal, welchen wir im Rahmen unserer Bootsfahrt durchfuhren. Spät in der Nacht beziehungsweise sehr früh am Morgen ist das Haltestellengebäude verschossen. Wir warten in den gut beleuchteten Unterständen des Terminals. Gottseidank ist es Sommer und noch angenehm warm.
295 km sind in 4:04 Stunden zurückgelegt. Die Fahrt in der Nacht bietet optisch keine Höhepunkte. Um 05:00 Uhr früh vertreten wir uns in Panevezis kurz die Beine, für Raucher ist es eine willkommene Rauchpause. Unser klimatisierter Bus bietet dieses Mal keine Bildschirme in den Sitzen, aber funktionierendes Gratis W-Lan.
Der über der Stadt gelegene Busbahnhof  Vilnius Autobusu stotis ist um 06:30 Uhr erreicht.

Vilnius – Warschau

Um 22:15 Uhr beginnen wir unsere letzte Busfahrt der Reise. In 08:40 Stunden  wartet Polens Hauptstadt auf uns. Um 23:40 Uhr erreichen wir Kaunas, eine Stunde später das polnische Suwalki. Nach zwei Stunden Fahrt mit etwas Schlaf auf den dieses Mal unbequemen Sitzen (kein Entertainment System, Rückenlehnen-Verstellung defekt) erfolgt ein Zwischenstopp in Bialystok. Durch die für fünf Minuten geöffneten Türen zieht die Kälte in den Bus, die nächsten Stunden bis zur Ankunft um 05:55 in Warschau friert es uns leicht.  In Warschau hält der Bus seitlich zum Hauptbahnhof. Es ist eine Parkbucht an der Straße und kein Busbahnhof. Schnell wird uns unser Gepäck in die Hand gedrückt und der Bus fährt weiter. Für uns heißt es nun Zeit totschlagen, bis wir unsere Taschen im Hotel abgeben und am Nachmittag das Zimmer beziehen.

Fähre: Helsinki – Tallin

Fähre: Helsinki – Tallin

In Helsinki wechseln wir das Transportmittel. Nach Flugzeug, Bus, Zug und Metro wird es maritim. Per Fähre geht es nach Tallinn.

Am frühen Morgen verlassen wir unser Hostel, um uns auf die Suche nach dem Fähranleger zu begeben. Die Beschreibung im Internet ist dürftig und die Karte gibt keine Auskunft, welche der beiden möglichen Anlegestellen die Richtige ist. Es ist ein schöner Morgen und wir brechen zu Fuss zur ersten Mole auf. Sollte diese nicht die richtige sein,  ist es Möglichkeit Zwei in weiteren 500 Metern. Glücklicherweise führt der Weg bergab und wir erreichen früher als gedacht die erste Anlegestelle. Kein Schiff zu sehen, nach 200 Meter Fußmarsch entlang des Anlegedammes verrät ein Schild: wir sind richtig.

Das Reisezentrum ist klein. Es bietet ein kleines Cafe, das Frühstück ist somit geregelt. Beim Herannahen des Schiffes werden die Zugänge für Fußgänger-Passagiere freigeschaltet. Nach 15 Minuten Wartezeit im Gang betreten wir über eine lange Gangway das Schiff. Uns wundert: keine Sicherheitsüberprüfung des Gepäcks.

Unsere Taschen sind schnell in der Gepäckaufbewahrung auf Deck 7 verstaut. Wir sichern uns zwei Plastikstühle am hinteren Ende des Schiffes. Von dort aus beobachten wir die Ausfahrt und spätere Einfahrt der LKWs, Wohnmobile und PKWs.

Wir haben uns den besten Ausblick gesichert. Es folgt die Ausfahrt aus dem Hafen Helsinki. Diese Ausfahrt gilt als eine der schönsten in Europa und führt an kleinen Inseln, Leuchttürmen etc.

In der von uns gebuchten Holzklasse „Star-Class“ sind die Sitze nicht nummeriert. Im PUB Seaport, auf Deck 7, finden wir ausreichend freie Plätze vorhanden. Hier essen wir die zuvor in Helsinki gekauften und zubereiteten belegten Brote. Alternativ stehen auf Deck 8 warme Speisen in einem Buffet  und Alla-Card-Restaurant gegen Bezahlung zur Auswahl. Deck 8 bietet zusätzlich einen Snack-Pint mit Getränken, Salaten und Sandwiches. Auf Deck 9 künden Bauarbeiten von der Eröffnung eines Burger-Kings.

Vorbei am Kinderspielzimmer Tivoli geht es in den Einkaufsbereich. Eine Parfümerie, ein Laden für Sonnenbrillen/Accessoires und ein 1.500 m² Supermarkt mit den Schiffsklassikern Alkohol, Zigaretten, Süßigkeiten, Spielwaren, Souvenirs und Lebensmittel animieren zum Geldausgeben. Uns locken die finnischen Süßigkeiten als beliebtes Mitbringsel. Wir kaufen Lakritz-Pfeifen. Wäre uns bekannt gewesen, dass diese vor einem Verbot stehen, wir hätten deutlich mehr davon mitgenommen.

Die 90 bis 110 Minuten auf dem Wasser sind schnell um. Nach drei bis vier Minuten mit Sicht auf Land kündet ein großer Luftballon die Einfahrt in den Hafen Tallinn´s an. Schnell das Gepäck geholt und durch den Ausgang vis-a-vis der Gepäckausgabe geht es raus nach Tallinn. Erneut, für uns zwischenzeitlich ungewohnt,  ohne jegliche Sicherheitsüberprüfung.

Nachtzug Lev Tolstoy

Nachtzug Lev Tolstoy

Der Lev Tolstoy ist ein täglich, mit Ausnahme Silvester, verkehrender Nachtzug der Russischen-Bahn zwischen Moskau und Helsinki. Er ergänzt die durch den Alegro angebotenen, fünf Male täglich verkehrenden Schnellzüge, zwischen beiden Hauptstädten.

Neben der Bezeichnung Lev Tostoy sind in den Zugunterlagen die Bezeichnungen Alexei Tolstoi und Nikolay Tolstoy zu lesen. Obgleich es sich bei Alexei Tolstoi um einen beliebten russischen Schriftsteller handelt (russische Nacherzählung Cloddis Pinocchios) ist der Zug mit aller größter Wahrscheinlichkeit nach Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi (Leo Tolstoi – „Krieg und Frieden“) benannt. Tolstois Ableben hat einen Bezug zur Eisenbahn. Sich seines nahenden Todes wohl bewusst, verließt Tolstoi seine Frau und brach zu einer letzten Zugreise nach Süden auf. Auf dieser Reise in einem offenen Zug erkrankte er an einer Lungenentzündung. Am frühen Morgen des 20. November 1910 starb der Dichter im Bahnwärterhäuschen von Astapowo.

Im nach ihm benannten Zug wäre dieses mit größter Wahrscheinlichkeit nicht passiert. Der Zug ist voll klimatisiert und jede Kabine verfügt über eine eigene Temperaturreglung. Tolstoi, im späteren Leben militanter Nichtraucher, hätte sich über den – mit Ausnahme des Raucherabteils – rauchfreien Zug sicher gefreut. Trotz seines Vegetarismus hätte er im bereit gestellten „Fresspaket“ und Restaurant reichlich Auswahl gefunden.

Beim Einsteigen in unser in blau gehaltenes Abteil bemerken wir allerlei Veränderungen zur Transsib. In den oberen Klappbetten sind Leselampen eingelassen, ebenso sind in den seitlichen Kopfstützen Leselampen. Dieses kennen wir bereits aus dem letzten Transsib-Zug.  220 Volt Steckdosen sind für jedes Bett verfügbar. Einen kleinen Tisch hatten wir ebenfalls in der Transsib. Unterhalb des Tisches liegt die Neuerung, ein eigener Müllbehälter im Abteil.

Für das leibliche Wohl steht ein Restaurant mit 24 komfortablen Sitzgelegenheit und eine Snackbar-Bereich mit 17 weiteren Sitzgelegenheiten zur Verfügung. In jedem Abteil ist pro Fahrgast ein Care-Paket mit (in unserem Fall) Wasser, Apfelsaft- Brötchen, Wurst, Apfel, Keks und Schoko-Pudding bereitgestellt.

Das Restaurant akzeptiert Rubel, US-Dollars und Euros, jedoch nicht Kreditkarte. Ein Katalog bietet allerlei „Nippes“ zum Kauf an. Tax-Refund wird im Zug angeboten. Im Grenzbereich zwischen Vainikkala und Kouvola bietet der Zug die Serviceleistung des Umtausches von Rubel in Euro an.

Durch das Umklappen der unteren Sitzbank entsteht ein 110 cm breites und circa 205 cm langes Bett. Das obere Bett hat ist etwas schmaler und kürzer. Toilette, Dusche und Waschbecken befinden sich am jeweiligen Ende des Wagens. Für die Toilettensitze werden Papierabdeckungen angeboten. Desinfektionsmittel ist vorhanden.

Ist etwas nicht in Ordnung, das freundliche Personal steht bereit. Unsere Abteilnachbarn wollten beispielsweise ein weiteres Kissen – kein Problem.

 

 

Zugfahrt: Warschau-Berlin

Die Strecke Warschau-Berlin bewältigten wird mit dem seit 2002 auf dieser Strecke unter dem Namen „Berlin-Warszawa-Express“ vermarkteten Euro-City. Der Zug besteht immer aus sechs Großraumwagen mit Fahrradabteil (unser Wagen), drei Abteilwagen, ein Bordrestaurant und Bordbistro sowie einen Wagen für die erste Klasse. Alle Wagen sind klimatisiert und die Breite der Sitze ist mit deutschen Standardzügen vergleichbar. Die in der Grundfarbe gehaltenen Wagen tragen unterhalb der Fensterkante zusätzlich einen dunkelblauen Streifen mit der integrierten Beschriftung „Berlin-Warszawa-Express“.

In rund 5 1/2 Stunden sind die 570 km zwischen Wasrzawa Centrain und Berlin Hauptbahnhof zurückgelegt. Vier Minuten nach Einstieg stoppt der Zug am Bahnhof Warszawa Zachodnia, anschließend durchfahren wir ländliches Gebiet mit Halt in Kutno, Konin und Poznan Glowny. Vor dem Halt in der  ehemaligen Grenzstadt Zbąszynek unterbrechen Bahngleise und Güterzüge das Landschaftsbild. Mehr Ausblick, trotz zwischenzeitlich immer dunkler werdenden Himmel, bietet die Gegend vor Rypin mit ausgedehnten Wäldern und Heidelandschaft.  Über die Oder wechseln wir nach Frankfurt an der Oder und sind zurück auf deutschen Boden. Ohne patriotischen Unterton stellen wir fest: schön, wieder zuhause zu sein. 70 km weiter beginnt die Einfahrt nach Berlin. Zwischenhalt in Berlin-Ost und Ankunft im Hauptbahnhof.

Was fällt uns zuallererst auf? Bettelnde Roma und verschleierte Frauen. Ein Anblick, der uns in den letzten drei Wochen nahezu fremd wurde. Insgesamt haben wir von Peking bis Warschau drei Frauen mit Schleier (kein Vollschleier wie in Berlin) und in Moskau maximal zweimal bettelnde Roma gesehen. Hier sehen wir beides im Überfluss.

Für uns gilt es nun, im Bahnhof etwas Zeit totzuschlagen, bis wir in den Nachtzug nach Frankfurt am Main wechseln. In weniger als 12 Stunden werde ich meinen Arbeitsplatz aufsuchen und die angefallenen 400 E-Mails lesen.
Nach mehreren Wochen kommt mir zu hier zum ersten Mal meine Arbeit wieder in den Sinn.

Zugfahrt: Moskau – Grenze – Helsinki

Zugfahrt: Moskau – Grenze – Helsinki

Pünktlich um 23:10 Uhr verlassen wir im Nachtzug „Tostoy“ Moskau. Zwei Stunden später werden wir in Tver halten und um 05:46 Uhr St. Petersburg erreichen. Kurz überlegen wir, ob wir das Transsib-Ritual mit einem Ausstieg an jedem Bahnhof in diesem Zug fortsetzen. Schlaf ist mir wichtiger, Haltestelle Tver wird verschlafen. Bahnhof St.Petersburg  hat in Regen, Dunkelheit und Kälte nichts zu bieten. Mein Vater läuft kurz auf den Bahnsteig. Ich halte nur einen Fuß nach draußen und bin nach wenigen Sekunden wieder in meiner „Koje“.

Zwischen Wyborg und Vainikkala erwartet uns der Grenzübertritt in Buslovskaya. Eine Lautsprecherdurchsage kündigt die Passkontrollen, sowie die Schließung des Restaurants für den Zeitraum des Übertrittes an. Die Kontrolle findet im Zug statt. Auf russischer Seite sind die Grenzer freundlich und erledigen die Passausgabe in wenigen Sekunden. Überraschenderweise sprechen die Grenzer englisch und verabschieden sich mit einem Deutschen „Auf Wiedersehen“. Die Lautsprecherdurchsage mahnt, dass das Aussteigen aus dem in unmittelbarer Grenznähe teilweise mit Schrittgeschwindigkeit fahrenden Zug unter allen Umständen zu unterlassen ist. Die russische Seite der Grenze ist Sperrgebiet, eine mehrjährige Freiheitsstrafe droht und im Ernstfall wird von der Schusswaffe gebrauch gemacht. An der tatsächlichen Grenze patrouillieren Hundeführer mit Deutschen Schäferhunden den Zug von außen. Für diesen Zweck ist extra ein kleiner Weg zwischen den einzelnen Gleisen angelegt. Der Zugang und Abgang zum Bahnhof ist für Fußgänger durch einen mit Stacheldraht gesicherten Weg möglich.

Die finnischen Grenzer kotrollieren uns eher nachlässig. Lediglich das Passfoto meines Vaters wird besprochen. Den Grenzern scheint es ungewöhnlich, dass der auf dem Bild vorhandene lange weise Bart zwischenzeitlich deutlich gekürzt ist. Der finnischen Sprache nicht mächtig verstehe ich nur die Worte „Santa Claus“.

Einerseits freuen wir uns wieder in Europa zu sein. Andererseits wirken die Sicherheitsvorkehrungen hier – im Vergleich zu China und Russland – deutlich lascher. In Anbetracht von Terror und der aufkommenden Flüchtlingsgriese für uns zu lasch.

Der Zug fährt mit den Zwischenstationen in Kouvola und Lathi durch eine beeindruckende Landschaft mit viel Wald und Seen. Teilweise fahren wir über einen Bahndamm zwischen größeren Seen an beiden Seiten vorbei. Die Haltestellen in Tikkurila und Pasila sind Industriell geprägt. Holzindustrie, Speditionen, große Hallen und Einkaufscenter sind links und rechts der Strecke immer wieder zusehen. Uns fallen die Bahnhofsbezeichnungen in den zwei Amtssprachen auf.

Um 12:27 Uhrfahren wir pünktlich in Helsinki ein.

Zugfahrt: Berlin – FFM – nach Hause

Nach Flügen, kontinentübergreifenden Zugfahrten, Ostseequerung per Fähre sowie länderübergreifenden Busfahrten endet unsere Fahrt nahezu unspektakulär mit einer nächtlichen Zugfahrt von Berlin nach Frankfurt-Süd.

Der Zug ist auf nächtliche Pendler ausgelegt. Die Sitze sind angenehm und lassen sich zurückstellen. 15 Minuten nach Abfahrt dimmt der Zugbegleiter das Licht und zumindest für mich sind mehrere Stunden Schlaf am Stück möglich. Ausstieg in Frankfurt-Süd. Niemand auf dem Bahnsteig, im Bahnhofsgebäude halten sich zwei, drei Betrunkene warm und warten, wie wir, auf den ersten Bus beziehungsweise die erste S-Bahn des Tages.

Mein Vater nimmt die S-Bahn bis zum Hauptbahnhof und anschließend die Regionalbahn. Ich fahre mit der Straßenbahn bis zur Stadtgrenze. Unabhängig von einander,  überlegen wir beide die restlichen Meter von Bahnhof zur Wohnung per Taxi zurückzulegen, um ein weiteres Verkehrsmittel hinzuzufügen. Die „sparsame schwäbische Hausfrau“-Prägung ist stärker. Nach den langen Fußmärschen im Urlaub sind die 10 Minuten mit Gepäck nun nahezu lächerlich.

Auf mich warten eine Dusche und vier Stunden schlaff. Über Umweg mit Haarschnitt beim  Frisör geht es noch vor zwölf Uhr für fünf Stunden zurück zur Arbeit. Am Abend betrachte ich meine Fotos und beende zufrieden den letzten Tag der Reise.

Zugfahrt durch Sibirien (1 von 4) / Ulan-Ude bis Irkutsk

Zugfahrt durch Sibirien (1 von 4) / Ulan-Ude bis Irkutsk

Geschäftiges Treiben im Zug beendet die, nach der Grenzkontrolle bereits verkürzte, Nacht. Viele der in der Mongolei zugestiegenen Mitreisenden verlassen in Ulan-Ude den Zug und sind nun damit beschäftigt, das Bettzeug wegzuräumen und die Gepäckstücke zusammen zu stellen.
Die englischsprachigen Mongolen berichteten, dass sie alle in irgendeiner Weise mit dem Abbau von Bodenschätzen in Russland verbandelt sind. Sei es durch körperliche Arbeit oder den Verkauf von Geräten und Sprengstoffen. Der Bergbau (Übertage in großen Mienen) ist mittlerweile der Grundpfeiler der mongolischen Wirtschaft. Dieses Knowhow nimmt Russland bereitwillig in Anspruch.

Der Zug überquert einen breiten Fluss (entweder die Uda oder die Selenga). Unsere erste Flussüberquerung in Russland, ein Anblick, welcher sich in den nächsten Tagen uns noch mehrfach bieten wird. Die Landschaft erinnert an die Mongolei. An den Rändern der Bahnstrecke sind erste Sträucher und kleiner Bäume zu erkennen. Form und Ziegel der Dächer der vorbeiziehenden kleinen Orte unterscheiden sich merklich von den Siedlungen in der Mongolei.

Mit Morgenrot der aufgehenden Sonne erreichen wir die Außenbezirke von Ulan-Ude. Die Stadt erfüllt äußerlich das Klischee einer Trabantenstadt im Nirgendwo. Das bereits 1666 gegründete Ulan-Ude, mit seinen heute über 400.000 Einwohnern ist, entgegen dem optischen Erscheinungsbild, das kulturelle und politische Zentrum der russischen Teilrepublik Burjatien. Die Burjaten (heute mit circa 30% der Einwohner zur Minderheit zählend) bekennen sich hauptsächlich zum Buddhismus. Neben orthodoxen Kirchen sind in der Region buddhistische Tempelanlagen Ziele für Touristen. Uns blieben nur 10 Minuten Aufenthalt. Wiederum folgten wird dem Bahnhofsritual. Aussteigen, Foto machen und weiter. Es ist kalt in Ulan-Ude, folglich bin ich nach 30 Sekunden wieder im Zug, während meinem Vater die sibirische Kälte nichts anzuhaben scheint.

Wenige Stunden später erreichen wir den Baikalsee. Die Bahnstrecke führt etwas oberhalb an einem Teilstück des insgesamt 2125 km langen Ufer entlang. Der Uferbereich schwankt zwischen circa 20 Meter mit bewaldeten Gebiet oder nur wenigen Metern zwischen See und Bahnlinie. Je näher das Ufer zur Bahnstrecke reicht, desto mehr Tetrapoden sind als Wellenbrecher und Befestigung am Ufer zu erkennen. Die große Wasserfläche von 31.722 km² in Verbindung mit den umgebenden Gebirgszügen sorgt für ein komplexes lokales Windsystem und damit einhergehenden Wellengang. Im Laufe der Zeit haben sich eigenständige Namen für die bis zu 40 km schnellen Winde entwickelt.

Der mit 1642 Metern tiefste und mit mehr als 25 Millionen Jahren älteste Süßwassersee der Erde beinhaltet in ca. 1000 Meter tiefe ein 80 Meter hohes und 50 Meter breites Neutrinoteleskop. Selbstverständlich sieht man dieses nicht. Deutlich interessanter ist es die endemische Flora und Fauna zu beobachten. Ich bin mir nicht sicher, ob wir Robben gesehen haben oder ob es sich nur um übergewichtige und deformierte Hunde handelte. Ebenso sind hin und wieder am Ufer badende, angelnde und grillenden Menschen zu sehen. Wiederum werden hier die erwarteten Klischees des etwas älteren, etwas dickeren Russen mit nacktem Oberkörper beziehungsweise Militär-Unterhemd in allen Fassetten bedient. Ein Lada (oder ähnlich aussehendes Auto), Bier, Wodka  und eine blonde Ehefrau fehlten selbstverständlich nicht.

Schließlich erreichen wir den circa 20 Minuten außerhalb des Stadtzentrums gelegenen Bahnhof Irkutsk. Ein mit Steinen verkleidetes und grünem Dach versehenes Gebäude. In Irkutsk haben wir circa fünf Minuten Aufenthalt.

Zugfahrt durch Sibirien (2 von 4) / Irkutsk bis Krasnojarsk

Zugfahrt durch Sibirien (2 von 4) / Irkutsk bis Krasnojarsk

Die Irkutsk nachfolgende Landschaft erfüllt die Erwartungen an Sibirien. Getreidefelder bis zum Horizont, Seen, Wälder. Hin und wieder unterbrochen von großen Holz- oder Zellstofffabriken.  Wir queren mehrere kleinere Flüsse bis zu den nächsten Haltestellen in Salari und wenige Minuten später in Sima. Dass beide Städte einen Haltepunkt der Eisenbahn bilden ist im Falle des circa  32.000 Einwohner fassenden Sima seiner Bedeutung für die Holzindustrie und im mit nur 9.00 Einwohner zählendem Salari einer Güteranschlussstrecke nach Nowonukutski, welches durch seine Gipsvorkommen eine wirtschaftliche Bedeutung erhält, zu verdanken.

Die Haltestellen in Tulun und Taischet (Abzweigung der Baikal-Amur Magistrale) bieten die Möglichkeit, sich auf den Nebengleisen etwas umzusehen. Zwischenzeitlich häufen sich die uns entgegenkommenden Güterzüge. Der Wandel von der vor Irkutsk vorherrschenden Holzindustrie zum Kohle-Tagebau ist erkennbar.

Der Bahnhof in Taischet erinnert mit seinem grünen Dach und der Kuppel an den Bahnhof in Irkutsk. Wie sich später herausstellte, wird dieser Baustil noch mehrfach für Bahnhöfe entlang der Strecke verwendet. Neben den Bahnsteig steht ein steinerner Wasserturm. Dieses wird uns später noch hin und wieder begegnen. Gleich der nächste Bahnhof Ujar  wartet ebenfalls mit Wasserturm auf. Mit Ausnahme einer Ziegelfabrik ist hier nichts weiter zu sehen.

Nächstes landschaftliches Highlight ist die zweimalige Überquerung des Jenissei. Zunächst in Krasnojarsk-Ost und fünf Kilometer später noch einmal kurz vor dem Bahnhofsgebäude.

Nahezu exakt 4100 km trennen uns nun von Moskau. Das große Bahnhofsgebäude ist in Umfang und Ausdehnung der mit ungefähr 970.000 Einwohnern drittgrößten Stadt Sibiriens angemessen. Den etwas längeren Aufenthalt der Bahn nutzen wir, um vor das Bahnhofsgebäude zu laufen und einen kleinen Blick in den Bahnhof zu werfen. Eine riesige menschenleere Halle. Die Metalldetektoren im Eingangsbereich wurden nicht überwacht. Bemerkenswert ist ein großes Mosaik an der Außenfassade eines Gebäudes. Umso interessanter ist eine darunter angebrachte rosafarbene Tür mit der Aufschrift Minimarkt. Die Zeit reichte nicht für eine Überprüfung, ob sich dort tatsächlich ein Supermarkt findet.

Unsere Fahrt setzte sich fort und somit werde ich bei Krasnojarsk auch weiterhin eher zwei Fakten im Hinterkopf haben, welche selbstverständlich in keinerlei Zusammenhang stehen. Erstens: die ehemals verbotene Stadt Krasnojarsk ist Standort des ersten russischen Atommüllendlagers und zweitens: Helene Fischer wurde hier geboren.

Zugfahrt durch Sibirien (3 von 4) / Krasnojarsk bis Novosibirsk

Zugfahrt durch Sibirien (3 von 4) / Krasnojarsk bis Novosibirsk

Ab Krasnojarsk verändert sich die Landschaft erneut. Sumpfiger Wälder wechseln sich mit weiten Flächen Graslands ab. Je weiter der Zug ins Landesinnere vordringt, desto mehr wird die Landschaft zum borealen Nadelwald, der sogenannten Taiga.

Nächster Stopp ist der Bahnhof in Atschinsk. Dieser Bau in Form eines Quadrates fällt vorwiegend durch seine leicht kupferverspiegelte Glaswand auf. Ebenso ist die für die meisten russischen Bahnhöfe obligatorische Brücke über die Bahngleise mit Fenstern versehen.

Der darauffolgende Bahnhof Marinsk bietet mit zwei Besonderheiten auf. Zunächst wird die Lok gewechselt. Dieses geschieht immer in Marinsk, da sich hier das Bahnstromsystem ändert. Für uns ist Marinsk der erste (und einer von wenigen) Haltestellen, an welchen die in der Literatur beschriebenen fahrenden bzw. fliegenden Händler zum Zug kommen und Kaltgetränke, Chips, Spielzeug, Schokolade, aber auch Gurken, Birnen und Brot anbieten.

In Marinsk ist eine alte Dampflok ausgestellt und hier sehen wir die erste russische Fahne. Ein Anblick, welcher sich  mit zunehmender Näher zu Moskau sich häuft.

Nahezu exakt 3000 km Luftlinie von Moskau entfernt halten wir kurz in Anschero-Sudschens. Dieser Ort war in den Dreißigern für eine Kolonie deutscher Bergarbeiter bekannt. Unter Stalin wurden die noch verbliebenen Deutschen nahezu restlos  exekutiert. Auch der vorherige Halt Marinsk kann auf eine längere Geschichte von Inhaftierungen und Exekutionen verweisen. Es war Teil des Gulag Systems. Den Astronom Y. Perepelkin , nach welchem ein Krater auf dem Mond und dem Mars benannt ist, hat man hier umgebracht. Ein Fakt, der bis heute in Russland gerne verschwiegen wird, sodass man vergebens auf einen Gedenkstein oder ähnliches hofft. Gleiches gilt für die ermordeten Deutschen.  Nächster Halt ist der Bahnhof in Taiga, der neben seines stalinistischen Baustils durch seine von uns als gewagt interpretierte Farbwahl in Erinnerung bleibt. Später stellen wir fest, dass diese Farbwahl eine Standardfarbe der Bahnhöfe ist.

Bei der Fahrt durch Jaschinkow  versuchte ich vergeblich einen Blick auf die Seilbahn zu erlagen. Eine mehrere Kilometer lange Seilbahn versorgt das ortsnahe Zement- und Ziegelwerk mit Gestein. Es ist die einzige mir bekannte Seilbahn, die dauerhaft für einem anderen Zweck als den Transport von Menschen oder Material (im Sinne von Baumaterial) dient.

Haltestelle Moschkowo bedient sich der Farbwahl des Bahnhofs Taiga. Mittig des Bahnhofsgebäude steht ein Turm mit Umlauf der,  sofern man sich roter und weiser Farbe bedient, einen passablen Leuchtturm darstellt. Funktional dient dieser Turm den Ausblick über die auf sechs Spuren angewachsene Gleisanlage.

55 km weiter erreichen wir unsere Zwischenstation Novosibirsk, am Ob, im Herzen Sibiriens.

Transmongolische Strecke / Peking – Erlian

Transmongolische Strecke / Peking – Erlian

Pünktlich verlassen wir den Pekinger Bahnhof in Richtung Mongolei. In den nächsten 45 Minuten zieht Peking an uns vorbei. Durch den gestrigen Regen und das Wochenende haben wir blauen Himmel und die überquerten Straßen sind für Pekinger Verhältnisse nahezu leer. Die Außenbezirke sind mit vielen Bäumen bewachsen und lediglich im Hintergrund sind die an Plattenbauten erinnernden Wohnhäuser zu erkennen.  Hin und wieder überqueren wir Kanäle mit grünbraunen Wasser.

Mit zunehmender Entfernung zur Stadt verändert sich die Landschaft. Links und rechts der Bahnstrecke türmen sich am Rande des durchfahrenden Tals die ersten Hügel auf. Große Zubringerstraßen und Brücken erinnern an die Nähe zur Peking.

Nachdem der Zug einen Tunnel durchquerte verändert sich die Landschaft zusehend. Wir überqueren nun blaue Flüsse und Täler mit einem Bergpanorama, wie sie aus typischen Bildern in deutschen China-Restaurants bekannt sind. Der Himmel ist strahlend Blau und die Landschaft ist grün.

Würde sich nicht an der die Bahnstrecke umgebenden Einzäunung der Plastikmüll sammeln, könnte man nahezu davon ausgehen, dass die Landschaft ausschließlich von Obstbauern bewirtschaftet wird.

Unser erster Zwischenhalt ist in Zhangjiakou, nach 193 km. In Reiseführern wird von fliegenden Händlern auf den Bahnsteigen berichtet. Diese gibt es hier nicht. Die Bahnsteige sind eingezäunt und dürfen einzig von Reisenden betreten werden. Unsere zukünftigen Routine folgend sind wir kurz ausgestiegen und haben ein Foto gemacht.

Vom Zugfenster aus die chinesische Mauer zu sehen war auf der Strecke noch zwei weiter male möglich. Hier fahren wir eine Zeit lang an einem See entlang. Der Hotelkomplex am Berghang stört das Panorama. Zhangjiakou gilt als Ski-Gebiet, was die Bestimmung des Komplexes erklärt.

Die Landschaft bleibt weiterhin grün und bergig. Hin und wieder zieht ein Dorf mit identisch aussehenden, in langen Reihen aufbereiten Häusern vorbei. Auf den großen Feldern wird vorwiegend Mais und hin und wieder Wein angebaut. In den Bergen ist hin und wieder ein Kloster zu erkennen.

Hin und wieder sehen wir große Kohlekraftwerke und lange Güterzüge mit Kohlewagons. Ebenso sind militärische Anlagen zu erkennen.

Zwischenzeitlich passieren wir Datong, welches für seine Yungang-Grotten (Grotten mit in den Fels geschlagenen Buddha-Figuren) bekannt ist. Kurz raus, Foto, fertig.

Mehrere Stunden durchqueren wir ein mit Feldern überzogenes Tal. Am Himmel ziehen Wolken auf. Die Windkraftanlage am Horizont, sowie die Ablaufkanäle lassen erahnen, dass es hier häufiger windig und regnerisch zugeht.

Nächster planmäßiger Halt Jining. Eine knapp neun Millionen Stadt, welche neben den Resten eine Stadtmauer aus der Ming-Dynastie vorwiegend durch die näher zur Heimat Konfizius bekannt ist. Wiederum niemand auf dem Bahnhof. Kurz ausgestiegen, Foto, fertig.

Hinter Jining verändert sich die Landschaft erneut. Wir durchfahren die ersten Ausläufer der Wüste Gobi bzw. der Steppenlandschaft der inneren Mongolei. Nach zwei Stunden Fahrt halten wir in Zhurihe. Ein großes Bahnhofsgebäude mit Kuppel umgeben von einfachen Häusern.

Die Nacht bricht an, was bei der Durchquerung der Wüste zumindest klimatisch ein Vorteil ist. Der die Strecke umgebene Zaun ist zwischenzeitlich nur noch ein Maschendrahtzaun mit Plastikmüllansammlungen an den Pfosten.

Die Nacht ist Dunkel und die Sterne sind hervorragend zu erkennen. Hin und wieder sind Siedlungen am Horizont auszumachen. Es könnte sich auch um Industrieanlagen handeln.  Zwischenzeitlich hat uns der Wagenschaffner Decken und die Formulare für den Zoll gereicht. Am Horizont sind die bunten Lichter der Casinos und Hotels aus Erlian zu erkennen. Bei der Einfahrt in die Stadt wird deutlich, dass zwischen den Betreibern ein Wettkampf um die meisten Lichter und das bunteste Blinken entbrannt zu seien scheint.

Am Ende der Stadt fahren wir in den Bahnhof ein (siehe gesonderter Bericht).