Jade und Tee (Kaffeefahrt in Peking)

Ein Teil des Besuches der großen Mauer entwickelte sich zu einer Kaffeefahrt. Obgleich wir insgeheim schon davon ausgegangen sind, dass ein Teil der Fahrt für Verkaufsgespräche genutzt werden wird, waren wir von der Dauer und der Darbietung doch negativ überrascht.

Am Vorabend der Fahrt wurden wir um 22:30 Uhr von der Reiseleitung angerufen um den Abfahrtsort zu klären. Nach einer Stunde Wartezeit ging es am nächsten Morgen los. Leider legten die Mitreisenden keine Pünktlichkeit an den Tag, sodass wir an jedem Hotel weiter fünf bis zehn Minuten warteten. Grundsätzlich war die Fahrt nicht das Problem, bot sich doch die Chance, Peking aus dem Auto zu sehen und die Verkehrssitten zu beobachten.

Die erste Verkaufsstation war eine Jade-Fabrik bzw. eine Jade-Manufaktur. China ist bekannt für seine Jade-Kultur und somit wollte ich es der Reiseleitung  ihre Behauptung, dass historisch nur Chinesen mit Jade umgehen und dieses kunstvoll bearbeiten konnten, nachsehen. Später habe ich sie dann doch darauf hingewiesen, dass bei den Olmeken und Mayas die Kunstfertigkeit sowie die rituelle Bedeutung vergleichbar ist. Zu den angeblich mystischen Geschichten von mehreren Touristen, die ihr Jahr nach dem Besuch der Fabrik und Kauf eines Jade-Amuletts Briefe schrieben über die nun eingetretenen Wunderheilungen habe ich kein Wort verloren. Die Intention, uns zum Kaufen zu bewegen, war so eindeutig zu erkennen, dass man ihr dafür nicht böse sein konnte. Immer wieder betonte sie uns gegenüber, dass sie keinen Anteil an den Verkaufserlösen erhalten würde.

Die angebliche Manufaktur bestand aus einem kleinen durch eine Glasscheibe getrennten Raum. Ein einzelner Arbeiter war mit dem Schleifen der Steine beschäftigt. Eine etwas streng wirkende korpulente Dame erklärte uns, Jade von falscher Jade durch einen Kratztest auf Metall zu unterscheiden. Ich habe mich später gewundert, dass im Verkaufsraum kein Metall zum Testen der Jade zur Verfügung stand. Die Jade wurde auf einer silbernen Plexiglasscheibe gerieben. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Anschließend wurden wir in einen großen Verkaufsraum mit diversen Figuren, Anhängern, Statuen aus Jade geleitet. In der Ecke war eine kleine Bar untergebracht. Sitzgelegenheit und Gratis-Wifi machten das Warten auf die Mitreisenden erträglich. Die Reiseleitung entschuldigte sich nun bei meinem Vater und mir für den Kaffeefahrt-Charakter der Fahrt. Sie versprach, dass keine weiteren Verkaufsstopps folgen werden und keine Zusatzkosten entstehen. Beides sollte sich später als Lüge herausstellen. Unbegreiflich ist es mir weiterhin, warum ein Verkaufsraum bzw. eine Verkaufshalle keine Toiletten für die Besucher bereithält – besonders dann, wenn auch Getränke an einer Bar verkauft werden.

Nach dem Besuch der Ming-Gräber und der Mauer (siehe gesonderter Bericht) war die Stimmung eher am Tiefpunkt. Wir sollten nun abstimmen, ob wir eine Seiden-Fabrik oder eine Tee-Zeremonie besuchen. Einstimmig stimmten wir für Seide, gefahren sind wir zum Tee.

Ich erinnere mich nicht mehr an den Namen des Tee-Geschäftes, aber es war etwas Dämliches wie Doktor Tee, Mc Tee oder Duck-Tee. In einem kleinen Raum durften wir auf Holzbänken teilnehmen und bekamen Keramikschalen mit der Füllmenge eines Schnapsglases gereicht.  Nun sollten uns 12 verschiedene Teesorten gereicht werden. Nachdem nur einer Person den Tee kaufen wollte, wurde nach 6 Sorten das ganze abgebrochen. Es liegt mir fern die vermutlich gut ausgebildeten Verkäuferinnen zu kritisieren, aber als Getränketechnologie sind mir Grundlagen der Teezubereitung bekannt. Es bleibt mir unverständlich, warum beispielsweise Grüner- und Weiser-Tee mit 100 Grad heißem Wasser aufgegossen wird. Ebenso eine Brühzeit von max. 30 Sekunden. Kein Wunder, dass er dargebotene Tee kaum Geschmack hatte. Ebenso ist mir unverständlich, wieso man intensive Früchte-Tees mittig zwischen Grünen- und Weisen-Tee serviert, wenn man nicht möchte, dass der Geschmack des nachfolgenden Tees beeinflusst wird. Nachdem ich aber beobachtet habe, dass das Teewasser (welches uns noch in einem Holzgefäß präsentiert wurde), aus dem Hahn nachgefüllt wurde war mir klar, dass hier kein Interesse an gutem Tee bestand. Wenig später hatte ich die Chance, den Tee unter die Augen zu nehmen (ein Mitreisender hatte gekauft): Stängel und Äste, verharzte Blätter, Grobschnitt.

Zwischenzeitlich war die Reiseleitung etwas genervt und versuchte die Mitreisenden schnellstmöglich wieder zu den Hotels zu bringen. Wir waren die letzten im Bus und sie entschuldigte sich zum Abschied nochmals, dass der Ausflug nicht wie geplant verlief. Immer wieder wurde betont, dass heute ein besonderer Tag gewesen wäre und die Fahrten sonst deutlich länger und mit mehr Zeit an der Mauer verlaufen würden.