Zugfahrt durch Sibirien (1 von 4) / Ulan-Ude bis Irkutsk

Zugfahrt durch Sibirien (1 von 4) / Ulan-Ude bis Irkutsk

Geschäftiges Treiben im Zug beendet die, nach der Grenzkontrolle bereits verkürzte, Nacht. Viele der in der Mongolei zugestiegenen Mitreisenden verlassen in Ulan-Ude den Zug und sind nun damit beschäftigt, das Bettzeug wegzuräumen und die Gepäckstücke zusammen zu stellen.
Die englischsprachigen Mongolen berichteten, dass sie alle in irgendeiner Weise mit dem Abbau von Bodenschätzen in Russland verbandelt sind. Sei es durch körperliche Arbeit oder den Verkauf von Geräten und Sprengstoffen. Der Bergbau (Übertage in großen Mienen) ist mittlerweile der Grundpfeiler der mongolischen Wirtschaft. Dieses Knowhow nimmt Russland bereitwillig in Anspruch.

Der Zug überquert einen breiten Fluss (entweder die Uda oder die Selenga). Unsere erste Flussüberquerung in Russland, ein Anblick, welcher sich in den nächsten Tagen uns noch mehrfach bieten wird. Die Landschaft erinnert an die Mongolei. An den Rändern der Bahnstrecke sind erste Sträucher und kleiner Bäume zu erkennen. Form und Ziegel der Dächer der vorbeiziehenden kleinen Orte unterscheiden sich merklich von den Siedlungen in der Mongolei.

Mit Morgenrot der aufgehenden Sonne erreichen wir die Außenbezirke von Ulan-Ude. Die Stadt erfüllt äußerlich das Klischee einer Trabantenstadt im Nirgendwo. Das bereits 1666 gegründete Ulan-Ude, mit seinen heute über 400.000 Einwohnern ist, entgegen dem optischen Erscheinungsbild, das kulturelle und politische Zentrum der russischen Teilrepublik Burjatien. Die Burjaten (heute mit circa 30% der Einwohner zur Minderheit zählend) bekennen sich hauptsächlich zum Buddhismus. Neben orthodoxen Kirchen sind in der Region buddhistische Tempelanlagen Ziele für Touristen. Uns blieben nur 10 Minuten Aufenthalt. Wiederum folgten wird dem Bahnhofsritual. Aussteigen, Foto machen und weiter. Es ist kalt in Ulan-Ude, folglich bin ich nach 30 Sekunden wieder im Zug, während meinem Vater die sibirische Kälte nichts anzuhaben scheint.

Wenige Stunden später erreichen wir den Baikalsee. Die Bahnstrecke führt etwas oberhalb an einem Teilstück des insgesamt 2125 km langen Ufer entlang. Der Uferbereich schwankt zwischen circa 20 Meter mit bewaldeten Gebiet oder nur wenigen Metern zwischen See und Bahnlinie. Je näher das Ufer zur Bahnstrecke reicht, desto mehr Tetrapoden sind als Wellenbrecher und Befestigung am Ufer zu erkennen. Die große Wasserfläche von 31.722 km² in Verbindung mit den umgebenden Gebirgszügen sorgt für ein komplexes lokales Windsystem und damit einhergehenden Wellengang. Im Laufe der Zeit haben sich eigenständige Namen für die bis zu 40 km schnellen Winde entwickelt.

Der mit 1642 Metern tiefste und mit mehr als 25 Millionen Jahren älteste Süßwassersee der Erde beinhaltet in ca. 1000 Meter tiefe ein 80 Meter hohes und 50 Meter breites Neutrinoteleskop. Selbstverständlich sieht man dieses nicht. Deutlich interessanter ist es die endemische Flora und Fauna zu beobachten. Ich bin mir nicht sicher, ob wir Robben gesehen haben oder ob es sich nur um übergewichtige und deformierte Hunde handelte. Ebenso sind hin und wieder am Ufer badende, angelnde und grillenden Menschen zu sehen. Wiederum werden hier die erwarteten Klischees des etwas älteren, etwas dickeren Russen mit nacktem Oberkörper beziehungsweise Militär-Unterhemd in allen Fassetten bedient. Ein Lada (oder ähnlich aussehendes Auto), Bier, Wodka  und eine blonde Ehefrau fehlten selbstverständlich nicht.

Schließlich erreichen wir den circa 20 Minuten außerhalb des Stadtzentrums gelegenen Bahnhof Irkutsk. Ein mit Steinen verkleidetes und grünem Dach versehenes Gebäude. In Irkutsk haben wir circa fünf Minuten Aufenthalt.

Zugfahrt durch Sibirien (2 von 4) / Irkutsk bis Krasnojarsk

Zugfahrt durch Sibirien (2 von 4) / Irkutsk bis Krasnojarsk

Die Irkutsk nachfolgende Landschaft erfüllt die Erwartungen an Sibirien. Getreidefelder bis zum Horizont, Seen, Wälder. Hin und wieder unterbrochen von großen Holz- oder Zellstofffabriken.  Wir queren mehrere kleinere Flüsse bis zu den nächsten Haltestellen in Salari und wenige Minuten später in Sima. Dass beide Städte einen Haltepunkt der Eisenbahn bilden ist im Falle des circa  32.000 Einwohner fassenden Sima seiner Bedeutung für die Holzindustrie und im mit nur 9.00 Einwohner zählendem Salari einer Güteranschlussstrecke nach Nowonukutski, welches durch seine Gipsvorkommen eine wirtschaftliche Bedeutung erhält, zu verdanken.

Die Haltestellen in Tulun und Taischet (Abzweigung der Baikal-Amur Magistrale) bieten die Möglichkeit, sich auf den Nebengleisen etwas umzusehen. Zwischenzeitlich häufen sich die uns entgegenkommenden Güterzüge. Der Wandel von der vor Irkutsk vorherrschenden Holzindustrie zum Kohle-Tagebau ist erkennbar.

Der Bahnhof in Taischet erinnert mit seinem grünen Dach und der Kuppel an den Bahnhof in Irkutsk. Wie sich später herausstellte, wird dieser Baustil noch mehrfach für Bahnhöfe entlang der Strecke verwendet. Neben den Bahnsteig steht ein steinerner Wasserturm. Dieses wird uns später noch hin und wieder begegnen. Gleich der nächste Bahnhof Ujar  wartet ebenfalls mit Wasserturm auf. Mit Ausnahme einer Ziegelfabrik ist hier nichts weiter zu sehen.

Nächstes landschaftliches Highlight ist die zweimalige Überquerung des Jenissei. Zunächst in Krasnojarsk-Ost und fünf Kilometer später noch einmal kurz vor dem Bahnhofsgebäude.

Nahezu exakt 4100 km trennen uns nun von Moskau. Das große Bahnhofsgebäude ist in Umfang und Ausdehnung der mit ungefähr 970.000 Einwohnern drittgrößten Stadt Sibiriens angemessen. Den etwas längeren Aufenthalt der Bahn nutzen wir, um vor das Bahnhofsgebäude zu laufen und einen kleinen Blick in den Bahnhof zu werfen. Eine riesige menschenleere Halle. Die Metalldetektoren im Eingangsbereich wurden nicht überwacht. Bemerkenswert ist ein großes Mosaik an der Außenfassade eines Gebäudes. Umso interessanter ist eine darunter angebrachte rosafarbene Tür mit der Aufschrift Minimarkt. Die Zeit reichte nicht für eine Überprüfung, ob sich dort tatsächlich ein Supermarkt findet.

Unsere Fahrt setzte sich fort und somit werde ich bei Krasnojarsk auch weiterhin eher zwei Fakten im Hinterkopf haben, welche selbstverständlich in keinerlei Zusammenhang stehen. Erstens: die ehemals verbotene Stadt Krasnojarsk ist Standort des ersten russischen Atommüllendlagers und zweitens: Helene Fischer wurde hier geboren.