Metro Moskau

Metro Moskau

Mancher Tourist fährt nur deshalb mit Moskaus Metro, weil diese als eine der prachtvollsten öffentlichen Verkehrsmittel weltweit gilt. Für diese Touristen ist die eigentliche Fahrt mit den häufig heillos überfüllten Zügen nur Mittel zum Weg, um die mit hochwertigen Marmor, prächtigen Stuckdeken und Mosaiken verzierten Wartehallen der U-Bahn Stationen zu erreichen. Die schönsten Stationen (meiner persönlichen Meinung nach) sind Novokuzneskaya (eine Station mit großen Deckenmosaiken und Buntglasscheiben), Komsomolskaya (mit Goldmosaiken), Kropotkinskaya (Granit und Marmor mit einer klaren Formensprache) und Kievskaya (eine Station mit Mosaikbildern, die der Freundschaft Russlands und der Ukraine gewidmet ist).

Wie täglich sieben Millionen Russen nutzen wir die im 90 Sekunden Takt fahrende Metro vorwiegend zum Zwecke der Fortbewegung. Mit einem Fahrpreis unter einem Euro die preisgünstigste Alternative, um lange Fußwege zu vermeiden.
Die 1935 eröffnete Metro hat 12, farblich voneinander getrennte, Linien mit über 200 Stationen. 331,5 km Strecke, auf welcher Rauchen, das Trinken von Alkohol und das Mitführen von Fahrrädern verboten ist.

Zum Fahrkartenkauf stehen Automaten und an den meisten Stationen Kassenstationen bereit. Eine Fahrkarte ist, nach Entwertung in der elektronischen Zugangsschranke, 90 Minuten gültig. Neben Einzelfahrten sind Universaltickets mit entweder einer definierten Anzahl an Fahrten (1 bis 60) oder Tagen (1 bis 365) preisgünstig zu erwerben. Nahezu jeder Gleiszugang der Metro ist an irgendeiner Stelle mit Metalldtektoren versehen. Häufig konnten wir feststellen, dass diese entweder aufgeschaltet waren oder es dem Sicherheitspersonal egal ist, ob Personen neben den Detektoren vorbeiging.

Die Orientierung gestaltet sich ambivalent. Der Streckenplan ist neben kyrillischer auch in lateinischer Schrift abgedruckt. Die Wegweiser der Metro, häufig sind lange Strecken zurückzulegen, sind auf russisch. Schnell lernten wir und zumindest die ersten drei Buchstaben des Wortes zu merken und uns somit die Orientierung zu erleichtern. Unabdingbar ist es sich den Namen der Umsteigestation und die entsprechende Nummer der gewünschten Linie zu merken. Umsteigestationen haben, je nach Linie, unterschiedliche Namen.

Alle Stationen verfügen über die aus Deutschland bekannten blau-roten Info- und Notrufsäulen. Videokameras sind auf allen Bahnhöfen und zumindest auch in den Wagen der Ringlinie und Linie 1 vorhanden.

Die Zügen verfügen Gratis-Wlan, welches sich selbst ohne Kenntnis der kyrillischen Schrift mit etwas ausprobieren einstellen lässt. Alle Züge, aber nicht alle Stationen, verfügen über W-Lan-Empfang.

Die eingesetzten Züge sind ausschließlich russischer Bauart und unterscheiden sich je nach Linie vorwiegend durch das Baujahr. Alle Züge haben seitlich an den Aussenwänden angebrachte lange Bänke. Sichtbar sind diese Züge auf den Transport großer, stehender, Menschenmengen ausgelegt.

Kaum haben wir einen gut besetzen Zug betreten, stehen zwei bis drei junge Russen auf, um meinem Vater einen Sitzplatz anzubieten. Ich bin die meiste Zeit stehen geblieben und habe versucht, das System des Aufstehens und Sitzplatzanbietens zu verstehen. Persönlich hätte ich eine Rangordnung wie beispielsweise: Gebrechliche und schwangere Frauen, ältere Frauen, ältere Männer und Frauen mit kleinen Kindern erwartet. Sichtbar ist dieses nicht der Fall. Meine erste Intention war es, dass ggf. Touristen ein Platz angeboten wird. Nachdem wir häufiger auf russisch angesprochen wurden, kann ich nahezu ausschließen, dass wir sofort als Touristen erkennbar waren. Möglicherweise existiert eine Rassen-Komponente. Je mehr die Gesichtszüge vom europäischen abwichen, umso seltener wurde ein Platz angeboten. Natürlich kann diese Beobachtung auch nur Zufall sein.
Anmerkung des Vaters: ich fand diese Geste einfach nur nett und freundlich und habe den angebotenen Platz gerne angenommen.

Auf den Bahnsteigen finde ich einen neuen Favoriten für den eintönigsten Job der Welt. Vor jeder längeren Rolltreppe ist ein Unterstand (zwei Telefonzellen groß) aufgestellt. Darin ein Stuhl und auf einem Tisch zwei kleine schwarz-weiss Monitore mit dem Video-Bild der Rolltreppe. Vermutlich noch irgendwo ein Knopf, um die Treppe anzuhalten. Darin sitzt jeweils eine Person, den Rücken zum Bahnsteig, vermutlich im Zweischichtbetrieb, innerhalb der Öffnungszeiten von 05:30 Uhr bis 01:00 Uhr.

WDNCh-Ausstellungsgelände

Unweit des Kosmonautenmuseums ragen ein riesiges Tor, ein Riesenrad und eine, mit Sowjetstern gekrönte, goldene Spitze in den Himmel. Unser nächstes Besichtigungsziel ist gefunden, das WDNCh-Ausstellungsgelände, ehemals Stolz der Sowjetunion. Heute als Miniatur-Sowjetunion bezeichnet, bietet das WDNCh (ein Akronym für Errungenschaften der Volkswirtschaft) Parklandschaft, Sehenswürdigkeiten und Gebäude in stalinistischer Baukunst.

Jede der sowjetischen Republiken unterhielt eine Repräsentanz auf dem Ausstellungsgelände. Am Zustand der Bausubstanz ist erkennbar, welche der Republiken heute noch gute Beziehungen zu Russland pflegt und welchen der politische Wille und ggf. auch das Geld für eine Sanierung fehlen. Insbesondere dem mit vielen stilisierten Getreideähren verzierten Ukrainischen-Pavillon ist die Baufälligkeit anzusehen; Armenien, Kirgistan und Usbekistan hingegen viel Mühe in die Aufrechterhaltung der durch landestypische Baustile geprägten Fassaden der Pavillons und Hallen. Im Inneren überraschen und (teilweise) enttäuschen die Gebäude. Kirgisien verkauft Flugtickets, Karelien Wandteppiche.

Der große, das Gelände durchziehende Boulevard ist an mehreren Stellen durch Brunnen unterbrochen. Zentrales Element des Geländes ist ein größerer und spektakulärer Brunnen. Der Brunnen der Völkerfreundschaft mit jeweils 15 vergoldeten Figuren. Je eine Figur pro Sowjetrepublik. Mittig sind, ebenfalls in Gold, Getreideähren aufgestellt, aus welchen sich Fontänen ergießen. Ein weiterer großer Brunnen ist der Brunnen „die steinernen Blumen“. Diese Brunnen zeigt Motive aus den Dichtungen Pavel Bazhovs. Die Figuren am Brunnen gehen auf mir unbekannte Märchen zurück. Ich kenne die Figuren aus der Oper, diente es Sergei Prokofiev als „Libretto“. Erkannt habe ich nichts.

Hinter dem Brunnen zeigt sich die ehemalige Bedeutung der Messe bzw. des Ausstellungsgeländes. Vor dem Kosmos Pavillon sind zwei Flugzeuge (JAK 42 und TU-2), ein Hubschrauber (Mil) und als unübersehbares Highlight eine Wostok-Rakete ausgestellt. Russland ist bestrebt de,n alten Glanz der Ausstellung mit neuen Errungenschaften aus Wissenschaft und Technik aufzufrischen. Die Raumfahrtbehörde Roskosmos sowie die (teil-)staatlichen Energie-Konzerne Rostatom, Rosneg und Gazprom sind angewiesen, die Pavilons zukünftig zu bestücken.

Nachdem immer mehr Menschen auf das Gelände drängen, wählen wir für unseren Rückweg einen der seitlichen Wege, welcher in einem kleinen (dauerhaften) Jahrmarkt mit Autoskooter, Schießbunden und Karussells endet. Auf dem Weg zeigt sich, dass das Gelände von Einheimischen gerne als normaler Park genutzt wird. Grillstände, ein Schwimmbad, Basketball- und (Beach)Volleyball-Felder sind zur Entspannung und sportlichen Betätigung vorhanden. An mehreren Stellen besteht die Möglichkeit, ein Fahrrad zu leihen. Gerüchteweise befindet sich in einer der Hallen ein Delfinarium.

Am Ausgang nehme ich das Tor nochmals genauer unter die Lupe, nachdem ich zuvor am Triumphbogen die Ungereimtheit der Einspannung der Pferde bemerkte. Auf dem Tor halten eine Landarbeiterin und ein nach Kfz-Mechaniker aussehender (später habe ich nachgelesen, dass es der Fahrer eines Traktors ist) Mann eine goldenes Getreidebündel in die Höhe.
Deutlich spannender ist ein Verkaufsstand vor dem Tor. Die Nachtwölfe, ein kremltreuer Motorradclub, bekanntgeworden durch eine Fahrt nach Berlin, verkaufen Devotionalien zur autonomen Republik Krim. Überraschenderweise sind auch Sticker und Buttons in englischer Schrift zu kaufen. Aus den Aufdrucken werde ich nicht ganz schlau. Einerseits wird proklamiert, die Krim sei ein eigenständiger Staat andererseits, dass die Krim schon immer Teil Russlands ist. Die Mitglieder der Nachtwölfe betreiben insofern eine gute Außendarstellung, da Mitglieder das Regeln des Fußgängerverkehrs übernehmen, älteren Damen die Taschen tragen oder Familien beim Einstiegen in Bus und Taxi helfen.

Zur Rückfahrt ins Hostel nutzen wir die Metrostation WDNCh. Mit circa 53 Metern einer der tiefsten Stationen der Metro. Vor mehreren Jahren hatte ich im Internat Auszüge aus dem Buch Metro 23 gelesen. Eine schreckliche Übersetzung und uninspirierte Geschichte über das Leben im Untergrund nach einem Atomkrieg. Nachdem ich die Metrostation-Wohnort des Protagonisten – mit ihren weißen Marmorpfeilen und dekorativen runden Lüftungsgittern persönlich gesehen, muss ich dem Autor für seine gute und genaue Beschreibung Tribut zollen.

Die Metrostation ist mit ungefähr 140.000 täglichen Passagieren eine der am stärksten frequentierten Stationen. Bedingt wird dieses unter anderem durch den Übergang zur Moskauer Hochbahn, der Monorail Moskau.