Zugfahrt durch Sibirien (4 von 4) / Novosibirsk bis zur Europa-Asien-Säule

Unser Gepäck ist schnell verstaut und das Teewasser aufgesetzt. Gleich nach Abfahrt geht es raus auf den Gang, um eine gute Fotoposition zu erhalten. Es folgt die Überquerung des Ob über die 825 Meter lange novosibirsker Eisenbahnbrücke. Die Fachwerk- Gelenkträger Struktur verhindert mir einen Blick auf die am Obergurt angebrachten Kragbalken. In den Vorlesungen zur technischen Mechanik genötigt die Biegemomente und Spannungen in Kragträgern zu berechnen fielen diese mir bereits am Vortag ins Auge. Zwischenzeitlich habe ich nach gegoogelt, dass diese Hochspannungsleitungen tragen.

Nach der Brücke lohnte das Hinsetzen kaum, da in kurzem Abstand die Haltestellen Ob und Kotschenjowo folgen. Eine Stunde später folgen Kargat und Barabinsk. In Barbarinsk ist der Aufenthalt etwas länger, was ein Foto mit dem am Bahnsteig ausgestellten E-Loks zulässt. Später haben wir an vielen Bahnhöfen Fotogelegenheit mit eine alte Lok. In kleineren Ortschaften reichte es nur zum Ausstellen einer Deichseln oder Wagenrädern.

Zwischen Kargat und Barbainsk verlassen wir für einige Zeit  das durch sein sumpfiges Landschaftsbild geprägte Westsibirischen Tiefland und befinden uns nun in der Barabasteppe. Landschaftlich wechseln sich Grassteppe, Moorgebiete und Birkenwälder ab. An Stellen ohne Vegetation zeigt sich die für die Landschaft typische Schwarzerde.

Es folgen die Stationen Tschany, einer kleinen Stadt umgeben von landwirtschaftlichen Betrieben, und Tatarsk. In Tatarsk reichte es nicht zur Ausstellung einer Lok am Bahnhof, auf einem Sockel ist ein Güterwagon, genauer gesagt dessen Radaufhängung, ausgestellt. Der Aufbau des Wagons ist abgesägt, vermutlich handelt es sich um einen Getreidewagon.  Da Tatarsk das Tor zur Kulundasteppe, einem der wichtigen Landwirtschaftsgebiete Sibiriens, ist, erscheint diese Assoziation sinnig.

Hinter Omsk überqueren wir den Irtysch, den längsten Nebenfluss der Welt. Eine geschichtliche Nebenbenmerkung zum Thema Sibirien: 1585 ertrank Jermak Timofejewitsch, der „Eroberer Sibiriens“ in der Irtysch.

Nach kurzem Stopp in Nasywajewsk, dass bei mir keine Erinnerungen hinterließ, und Überquerung des Flusses Ischim und hielten in der gleichnamigen Stadt. Politisch haben wir in Ischim den Föderationskreisen Sibirien verlassen und sind im Förderationskreis Ural angekommen. Ischim ist eine modern wirkende Stadt mit auffälligen mehrstöckigen Blockhäusern und vielen Datschen und Gärten im Umfeld der Stadt.

Nach Zwischenhalt in Golyschmanowo kleineren Flussüberquerungen hält der Zug in Tjumen der ältesten russischen Ansiedlung Sibiriens. Das Museum der Stadt wartet mit einem der wenigen vollständig erhaltenen Mammutskelette auf. 1746 verstarb der deutsche Naturforscher Georg Wilhelm Steller in Tjumen. Steller, zweifelsohne ein herausragender Naturforscher, erlangte seinen Ruf durch die Bericht der Beringschen Alaskafahrt.
(In stürmischer See läuft das Schiff auf Grund. Bering, Entdecker Alaskas und der Beringstraße, stirbt. Steller organisiert das Überleben der Mannschaft. Er organisiert den Bau ein Floßes aus den Schiffsresten, auf welchem schlussendlich die Crew das rettende Kamtschatka erreicht. Trotz der Strapazen setzt Stelle auf der Floßfahrt seine Forschungen fort und beschreibt eine später nach ihm benannte Seekuh. In Kamtschatka angekommen forschte er  vier weitere Jahre, um abschließend seine Forschungsergebnisse an die Akademie nach Petersburg zu bringen. In Irkutsk wird er beschuldigt, die sibirischen Völker gegen die Russen aufgehetzt zu haben. Nur dieses und seinen Plan, die Völker mit Waffen zu versorgen, würden seinen langen Aufenthalt erklären. Schließlich wir der freigesprochen. Er gerät mitten in den Sibirischen Winter und verstirbt. … Eine Geschichte wie aus einem Hollywood- Film).

Der nächste Halt Kamyschlow wartet mit einem Bahnhof im Jugendstil auf. In Bogdanowitsch türmen sich die hier produzierten Eisenbahnschwellen neben der Strecke.

Der 1915, in seiner jetzigen Form, erbaute Bahnhof Jekaterinburg ist erneut ein „großer Bahnhof“ und in Dimension und Umfang der viertgrößte Stadt Russlands angemessen. Ein schöner Bahnhof mit Kiosk direkt auf dem Gleis. Hier haben wir etwas Aufenthalt und erhalten eine zusätzliche Lok, um den Anstieg in den sich vor uns auftürmenden Ural in zu meistern. Die Fahrt am Rangierbahnhof der Stadt vorbei zeigt die wirtschaftliche Bedeutung der Stadt und der Eisenbahn.

40 km hinter Jekaterinburg, bei Perwouralsk, markiert eine Säule bzw. eine Obelisk die imaginären Trennlinie zwischen Europa und Asien. Sibirien haben wir somit verlassen.

Von der Grenze bis Ulaanbaatar

Von der Grenze bis Ulaanbaatar

In den ersten Morgenstunden durchqueren wir Steppe, um anschließend für eine Stunde eine karge, wüstenähnliche Landschaft zu durchqueren. Zum Ende der Wüstenlandschaft stoppte der Zug in einer befestigten Ortschaft. Die monotonen eingeschossigen Häuser vermittelten ein tristes Bild. Ein menschenleerer Bahnhof verfestigte diesen Eindruck. Wie gewohnt folgten wir unserm Ritual: aussteigen, Foto machen, einsteigen, fertig.

Mit zunehmender Fahrtdauer nehmen die Gräser zu und die Farbe der Landschaft wird grüner. Aus dem Fenster der Bahn sind die ersten Tiere zu beobachten. Zunächst Kamele und Pferde, später Ziegen und Scharfe. Mit Zunahme der Sättigung der Grünfärbung kommen weitere Tiere hinzu. Frei weidende Kuhherden und Greifvögel sind nahezu alle zehn Minuten zu erspähen, sowie immer wieder Gruppen von Pferden.

Hin und wieder sehen wir Jurten in der Landschaft. An der Unterführung eines Bahndammes warten mongolische Hirten – in traditioneller Kleidung -. Mit zunehmender Nähe zur Hauptstadt wandelten sich die Pferde zu Motorrädern und Quads. Vor den Jurten parkten Geländewagen und auf den Jurten sind Satellitenschüsseln befestigt.

Mehrere Stunden fahren wir, immer leicht ansteigend, durch eine grüne Landschaft mit an den Seiten leicht ansteigenden Hängen. Die Bahnstrecke führt in langgezogenen Kurven an den sich nun rechter Hand auftürmenden Hügeln vorbei und ermöglicht somit tolle Fotogelegenheiten, um die Länge des Zuges festzuhalten.

 

Circa zwei Stunden vor Erreichen der Hauptstadt sind hin und wieder kleinere feste Siedlungen zu erkennen. Die Häuser sind buntgestrichen. In der Nähe einer Ortschaft führt die Bahnstrecke an einer vergoldeten Statue und mehreren aufgereihten Stupas  vorbei.

Die Einfahrt nach Ulaanbaatar erfolgt entlang eines Berges, sodass die Ausdehnung der Stadt gut zu erkennen ist. Wir überqueren den Fluss Tuul mit seinem glassklaren Wasser und sehen neben der Bahnstrecke die MCS Tiger Brewery, einen orange-roten Kasten im sonst eher einstöckigen Industriegebiet.

Nach ungefähr 10 Minuten ist der Bahnhof erreicht. Zuvor sind am Rande noch mehrere alte Lokomotiven zu erkennen, welche zwischen Bahnlinie und Straße ausgestellt sind.