WDNCh-Ausstellungsgelände

Unweit des Kosmonautenmuseums ragen ein riesiges Tor, ein Riesenrad und eine, mit Sowjetstern gekrönte, goldene Spitze in den Himmel. Unser nächstes Besichtigungsziel ist gefunden, das WDNCh-Ausstellungsgelände, ehemals Stolz der Sowjetunion. Heute als Miniatur-Sowjetunion bezeichnet, bietet das WDNCh (ein Akronym für Errungenschaften der Volkswirtschaft) Parklandschaft, Sehenswürdigkeiten und Gebäude in stalinistischer Baukunst.

Jede der sowjetischen Republiken unterhielt eine Repräsentanz auf dem Ausstellungsgelände. Am Zustand der Bausubstanz ist erkennbar, welche der Republiken heute noch gute Beziehungen zu Russland pflegt und welchen der politische Wille und ggf. auch das Geld für eine Sanierung fehlen. Insbesondere dem mit vielen stilisierten Getreideähren verzierten Ukrainischen-Pavillon ist die Baufälligkeit anzusehen; Armenien, Kirgistan und Usbekistan hingegen viel Mühe in die Aufrechterhaltung der durch landestypische Baustile geprägten Fassaden der Pavillons und Hallen. Im Inneren überraschen und (teilweise) enttäuschen die Gebäude. Kirgisien verkauft Flugtickets, Karelien Wandteppiche.

Der große, das Gelände durchziehende Boulevard ist an mehreren Stellen durch Brunnen unterbrochen. Zentrales Element des Geländes ist ein größerer und spektakulärer Brunnen. Der Brunnen der Völkerfreundschaft mit jeweils 15 vergoldeten Figuren. Je eine Figur pro Sowjetrepublik. Mittig sind, ebenfalls in Gold, Getreideähren aufgestellt, aus welchen sich Fontänen ergießen. Ein weiterer großer Brunnen ist der Brunnen „die steinernen Blumen“. Diese Brunnen zeigt Motive aus den Dichtungen Pavel Bazhovs. Die Figuren am Brunnen gehen auf mir unbekannte Märchen zurück. Ich kenne die Figuren aus der Oper, diente es Sergei Prokofiev als „Libretto“. Erkannt habe ich nichts.

Hinter dem Brunnen zeigt sich die ehemalige Bedeutung der Messe bzw. des Ausstellungsgeländes. Vor dem Kosmos Pavillon sind zwei Flugzeuge (JAK 42 und TU-2), ein Hubschrauber (Mil) und als unübersehbares Highlight eine Wostok-Rakete ausgestellt. Russland ist bestrebt de,n alten Glanz der Ausstellung mit neuen Errungenschaften aus Wissenschaft und Technik aufzufrischen. Die Raumfahrtbehörde Roskosmos sowie die (teil-)staatlichen Energie-Konzerne Rostatom, Rosneg und Gazprom sind angewiesen, die Pavilons zukünftig zu bestücken.

Nachdem immer mehr Menschen auf das Gelände drängen, wählen wir für unseren Rückweg einen der seitlichen Wege, welcher in einem kleinen (dauerhaften) Jahrmarkt mit Autoskooter, Schießbunden und Karussells endet. Auf dem Weg zeigt sich, dass das Gelände von Einheimischen gerne als normaler Park genutzt wird. Grillstände, ein Schwimmbad, Basketball- und (Beach)Volleyball-Felder sind zur Entspannung und sportlichen Betätigung vorhanden. An mehreren Stellen besteht die Möglichkeit, ein Fahrrad zu leihen. Gerüchteweise befindet sich in einer der Hallen ein Delfinarium.

Am Ausgang nehme ich das Tor nochmals genauer unter die Lupe, nachdem ich zuvor am Triumphbogen die Ungereimtheit der Einspannung der Pferde bemerkte. Auf dem Tor halten eine Landarbeiterin und ein nach Kfz-Mechaniker aussehender (später habe ich nachgelesen, dass es der Fahrer eines Traktors ist) Mann eine goldenes Getreidebündel in die Höhe.
Deutlich spannender ist ein Verkaufsstand vor dem Tor. Die Nachtwölfe, ein kremltreuer Motorradclub, bekanntgeworden durch eine Fahrt nach Berlin, verkaufen Devotionalien zur autonomen Republik Krim. Überraschenderweise sind auch Sticker und Buttons in englischer Schrift zu kaufen. Aus den Aufdrucken werde ich nicht ganz schlau. Einerseits wird proklamiert, die Krim sei ein eigenständiger Staat andererseits, dass die Krim schon immer Teil Russlands ist. Die Mitglieder der Nachtwölfe betreiben insofern eine gute Außendarstellung, da Mitglieder das Regeln des Fußgängerverkehrs übernehmen, älteren Damen die Taschen tragen oder Familien beim Einstiegen in Bus und Taxi helfen.

Zur Rückfahrt ins Hostel nutzen wir die Metrostation WDNCh. Mit circa 53 Metern einer der tiefsten Stationen der Metro. Vor mehreren Jahren hatte ich im Internat Auszüge aus dem Buch Metro 23 gelesen. Eine schreckliche Übersetzung und uninspirierte Geschichte über das Leben im Untergrund nach einem Atomkrieg. Nachdem ich die Metrostation-Wohnort des Protagonisten – mit ihren weißen Marmorpfeilen und dekorativen runden Lüftungsgittern persönlich gesehen, muss ich dem Autor für seine gute und genaue Beschreibung Tribut zollen.

Die Metrostation ist mit ungefähr 140.000 täglichen Passagieren eine der am stärksten frequentierten Stationen. Bedingt wird dieses unter anderem durch den Übergang zur Moskauer Hochbahn, der Monorail Moskau.